Wie kommt das Loch in die Ozonschicht?
Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung in Bremerhaven
Als Bremerhaven 2005 neben Bremen zur „Stadt der
Wissenschaft“ gewählt wurde, nutzte man den Anlass, auf den Wandel
öffentlich aufmerksam zu machen. In Zukunft gilt es, diese neu gewonnene
Aufmerksamkeit nachhaltig in positive Struktureffekte zu überführen.
Für
eine Seestadt wie Bremerhaven, die sich über den Hafen, die Fischerei
und den Schiffbau identifizierte, ist es schon ein herber Schlag, wenn
der Antriebsmotor längerfristig ins Stocken gerät. Was also unternehmen?
Alles hatte mit dem Amerikahandel und den im Jahre 1832
einsetzenden Massenauswanderungen begonnen. Rasch folgte ein rasanter
Wirtschaftsaufschwung und mit diesem bildete sich eine eigenständige
städtische Kultur heraus. Auf Handel und Schiffbau folgte seit Mitte der
1880er-Jahre die Hochseefischerei.
In der Folgezeit kam es zu
weiteren Umbrüchen, die vor allem der Zweite Weltkrieg mit sich brachte.
Erst nach dem Wiederaufbau in den 1950er- und 1960er-Jahren und der
erfolgreichen Eingliederung einer großen Zahl von Flüchtlingen und
Vertriebenen erlebten die Wirtschaftsbereiche Hafenumschlag, Schiffbau
und Fischerei wieder einen starken Aufschwung.
Das änderte sich
allerdings spätestens in den 1990er-Jahren. Die Zahlen sprechen für
sich. In der Phase von 1990 bis 2001 stieg die Zahl der Arbeitslosen
drastisch an. Im Jahre 1997 – nach dem Konkurs der Vulkan-Werft – gar
auf 21 %. Unter den Mittelstädten in Nordwestdeutschland war Bremerhaven
somit der traurige Spitzenreiter in Sachen Arbeitslosigkeit.
Jene
Bereiche, die vorher das Wachstum garantierten, versprachen keine
nachhaltige Perspektive mehr. Und selbst ihr Ausbau schlug zunächst
fehl: So erfuhr beispielsweise die Fischverarbeitung während der
1990er-Jahre die Erweiterung zur allgemeinen Lebensmittelproduktion –
leider nur mit recht bescheidenem Erfolg. Was daraus folgte, war aber
nicht die Kapitulation, sondern die Neuorientierung.

Die „Pier der Wissenschaft“
Von
Wissenschaft und Forschung gingen wesentliche Impulse aus.
Bemerkenswert daran ist vor allem das Engagement der Menschen, die sich
zusammengeschlossen haben, um der Krise zu trotzen. Als Bremen und
Bremerhaven vom Stifterverband für Deutsche Wissenschaft 2005 zur „Stadt
der Wissenschaft“ gewählt wurde, war die Gelegenheit da, diese
Aktivitäten auch für Außenstehende über das Stadtbild zu vermitteln und
erlebbar zu machen.
„In der Begründung für den Preis wurde sehr
deutlich, dass für die Auszeichnung die Bedeutung von Wissenschaft für
den Wandel der Stadt ausschlaggebend war“, kommentiert Anne Havliza das
erfreuliche Ergebnis. Außerdem betonte die Jury die Arbeit in Netzwerken
mit Wirtschaft, Schulen und Kultur. Anne Havliza weiß, wovon sie
spricht. Bevor es sie nach Bremerhaven zog, studierte sie Soziologie.
Seit 1998 leitet sie dort das Designlabor, welches neben anderen
Institutionen wie u. a. auch dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und
Meeresforschung (AWI) und der Hochschule Bremerhaven zum Netzwerk „Pier
der Wissenschaft“ gehört, das anlässlich der Bewerbung zur „Stadt der
Wissenschaft“ gegründet worden ist. Dieser Zusammenschluss hat sich seit
dieser Zeit kontinuierlich erweitert, sodass mittlerweile
20 Einrichtungen innerhalb der Pier engagiert sind.
Mit
dem Anspruch des „Public Understanding of Science“ standen die
Bremerhavener Instituionen, die sich zur „Pier der Wissenschaft“
zusammengeschlossen hatten, vor der anspruchsvollen Aufgabe, ihre
Aktivitäten auch nach außen hin sichtbar zu machen. Ziel war und ist es
dabei, das Transferverhältnis, welches zwischen Wissenschaft, Wirtschaft
und Kultur besteht, einer breiteren Bevölkerungsschicht zugänglich zu
machen. „Die Wissenschaft ist vielen Bürgern erst einmal fremd. Es
benötigt Anstösse und Zeit, so etwas in das eigene Weltbild
miteinzubeziehen“, erläutert Margarete Pauls die Problematik. Sie selbst
ist seit 1989 für das AWI tätig und leitet dort den Bereich der Presse-
und Öffentlichkeitsarbeit.
Als die Wahl zur „Stadt der
Wissenschaft“ getroffen war, wurde ein vielfältiges kulturelles Programm
auf die Beine gestellt, in dem Filmfestivals, Konzerte, Lesungen und
Ausstellungen sowie einige imposante Klanginszenierungen den erneuten
Aufbruch dieser Seestadt zum Ereignis machten. Mitten im
Wissenschaftsjahr stand also das neu gewonnene Stadtbild im Vordergrund
und mit diesem das Netzwerk zwischen den einzelnen wissenschaftlichen
und kulturellen Institutionen. Nur wie lässt sich ein solches
vermitteln?
„Design für die Stadt der Wissenschaft“ hieß
schließlich der Auftrag, den das Designlabor Bremerhaven übernahm.
Nachdem das Stipendium 2004 / 2005 entsprechend ausgeschrieben war,
arbeitete eine achtköpfige internationale Gruppe von Architekten,
Kommunikations-, Industrie- und Mediendesignern an der Konzeption. Für
die Projektleitung konnten außerdem zwei bekannte Gestalter gewonnen
werden: der Architekt Wilfried Kühn und der Kommunikationsdesigner Chris
Rehberger.

Containerterminal
„Meerwissen aus Bremerhaven“ Innerhalb der Containerausstellung
„Meerwissen aus Bremerhaven“ konnten die Besucher auch selbst aktiv
tätig werden. So bestand z. B. im Windenergiecontainer die Möglichkeit,
eigene Papierhäuser zu erstellen, die eine Ahnung von der
durchschnittlichen Jahresleistung eines Windrades vermittelten.
Als
Inspirationsquelle für das Ausstellungsdesign dienten Überseecontainer,
ergänzt durch kleine Kuben, die in ihrer Form an Bauklötze erinnerten.
Die visuelle Umsetzung war im Wesentlichen mit zwei Zielen verknüpft:
Zum einen wurden die signalroten Bauklötze als eine Art von
Orientierungssystem genutzt, um die verschiedenen Einrichtungen der Pier
entlang des Weserdeichs vom Zoo am Meer bis hin zum AWI zu markieren.
Zum anderen dienten Container als Ausstellungsräume. Daher konnte man
diese vom 1. Juli 2005 an auf dem Hans-Scharoun-Platz bestaunen.
Am
Ende ist dieser Ansatz voll eingeschlagen. Die Einrichtungen und
Institutionen, die zum Wandel dieser Stadt beitragen, konnten in ihrer
bestehenden Vernetzung und in ihren gemeinsamen Aktivitäten deutlicher
hervorgehoben werden. Daneben war die Containerausstellung „Meerwissen
aus Bremerhaven“ mit mehr als 18.000 Besuchern ein absoluter
Publikumserfolg.
Die nächste Stufe der Entwicklung
Mit
der Wahl zur „Stadt der Wissenschaft“ ist es Bremen und Bremerhaven
gelungen, offen stehende Fragen des eigenen Wandlungsprozesses in eine
anregende und intensive Atmosphäre zu überführen, von der vor allem die
Bevölkerung und die interessierte Öffentlichkeit profitierte. Wie bei
allen Aktionen dieser Art geht es aber auch darum, die neu gewonnene
Aufmerksamkeit und Attraktivität nachhaltig in positive Struktureffekte
zu überführen. Die Wahl zur „Stadt der Wissenschaft“ und der Erfolg, der
damit verbunden war, sollte daher vor diesem Hintergrund als Prozess
aufgefasst werden. Für diesen sind insbesondere auch Kooperationen
zwischen Wissenschaft und Wirtschaft von besonderer Bedeutung und
größere städtische Projekte, die beispielsweise den Tourismus ankurbeln.

Schaufensterkampagne
Die „Pier der Wissenschaft“ ging mit einer Ankündigungskampagne in die
erste Phase. Vermeidlich einfache Fragestellungen wie „Was tragen
Pinguine auf der Haut?“ oder „Wie kommt das Loch in die Ozonschicht?“
kleideten die Schaufensterflächen von leer stehenden Ladenlokalen ein
und sorgten für die nötige öf fentliche Aufmerksamkeit im Vor feld.
Alleine
im Klimahaus 8° Ost, welches ebenfalls zur „Pier der Wissenschaft“
zählt, waren seit der Eröffnung am 27. Juni 2009 in den ersten sechs
Monaten mehr als 450.000 Besucher unterwegs. Das Konzept dahinter setzt
auf Erkenntnis als Erlebnis: Besucher können auf 11.500 m2
Ausstellungsfläche klimatische Veränderungen quasi am eigenen Leib
erspüren – von den tropischen Regenwäldern Kameruns über die trockene
Hitze des Niger bis hin zur Eiseskälte der Antarktis.
Das
Klimahaus gehört außerdem zu den „Havenwelten“. Diese setzen auf eine
Verbindung von Tradition und Moderne: Museen, wissenschaftliche
Erlebniszentren, historische Hafenanlagen und Einkaufsmeilen werden
miteinander verbunden. Insgesamt entstanden bzw. entstehen mehr als 20
Attraktionen wie das Klimahaus oder die Einkaufswelt Mediterrano. In der
Geschichte Bremerhavens ist das Projekt einzigartig. 38,5 h groß,
davon 25,8 h Land und 12,7 h Wasserflächen. Auf diese Weise
wird zwischen Innenstadt und Weserdeich – um die beiden ältesten
Hafenbecken herum – ein neues Kapitel in der Entwicklungsgeschichte der
Stadt wahrnehmbar gemacht. Mit den „Havenwelten“ und den renommierten
wissenschaftlichen Einrichtungen konnte sich Bremerhaven auch als
interessante Tagungsstadt profilieren. Immer mehr Kongressveranstalter
werden auf diese Stadt aufmerksam. 2009 fanden u. a. solche Tagungen wie
der hochkarätig besetzte Extremwetterkongress statt, der 2010 zum
wiederholten Male fortgesetzt wurde.


Informations-
und Leitsystem Das Informations- und Leitsystem erstreckte sich entlang
der Wasserkante von Weser und Geeste und verband auf diese Weise alle
Institute der „Pier der Wissenschaft“ miteinander
Was den
Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft anbelangt, so bestehen am
AWI darüber hinaus wachsende Bemühungen, einzelne Forschungsergebnisse
und innovative Technologien der wirtschaftlichen Anwendung zuzuführen.
Als Leiter der Stabsstelle Technologietransfer zeichnet sich dort Dr.
Eberhard Sauter verantwortlich. Der Geochemiker war zunächst in der
Forschung tätig, bevor er auf dieses neue Aufgabengebiet gestoßen ist.
„Forschungseisbrecher wie die Polarstern oder größere Polarstationen
können nur in enger Kooperation mit Unternehmen geplant, gebaut,
unterhalten und betrieben werden. In all diesen Prozessen fließt das
Know-how in beide Richtungen zwischen Institut und Unternehmen.“
Für
Sauter besteht die Transformation der maritimen Wirtschaft in der
Spezialisierung, zu der die Wissenschaft entscheidend beiträgt.
Beispiele dafür sind vor allem die Bereiche Offshore-Windenergietechnik
und Bionik. Während man sich unter Windenergietechnik noch etwas
vorstellen kann, ist die Fantasie im Falle des Anwendungsbeispiels
Diatomeen erst einmal außer Kraft gesetzt. Diatomeen? Dieser Begriff
verweist auf einzellige Meeresalgen, welche durch ihres sehr leichten
und gleichfalls robusten Außenskeletts dazu in der Lage sind, sich
passiv gegenüber ihren natürlichen Fressfeinden zur Wehr zu setzen und
in die lichtlosen Tiefen des Ozeans abzusinken. „Die beiden
Schlüsseleigenschaften dieser Strukturen – Stabilität bei gleichzeitig
geringem Gewicht – kann man sich in der Technik vielfältig zunutze
machen“, sagt Sauter. Anwendungen bestehen in solchen Branchen wie der
Automobilindustrie (Felgen, Stützstrukturen) oder der Medizintechnik
(Leichtverband). Für das Forschungsfeld der Marinen Bionik ist speziell
auch das Forschungs- und Anwendungsnetzwerk PlanktonTech von größerer
Bedeutung. Das zunächst bis 2011 finanzierte „virtuelle“ Institut
beschäftigt sich ausgiebig mit den Grundlagen und der Optimierung von
Leichtbaustrukturen bei Kleinstlebewesen. Zu den Mitgliedern zählen
neben dem AWI u. a. auch die Harvard University, die Technische
Universität Berlin (TU Berlin) und das Leichtbauinstitut Jena.
Eine
weitere wichtige Initiative im Bereich der Lifescience-Branche geht
zudem auf die Gründung des Biotechnologiezentrums BioNord zurück. Mit
seiner Fertigstellung in 2003 konnte die Bremerhavener Gesellschaft für
Investitionsförderung schon eine nahezu hundertprozentige Auslastung in
der Nutzung von Labor- und Büroflächen in unmittelbarer Nähe zur Genuss-
und Lebensmittelindustrie verbuchen.
Auf der anderen Seite hat
sich Bremerhaven in den letzten Jahren – dank der enormen Unterstützung
des Landes – zu einem Zentrum in der Erforschung und Produktion von
On-und Offshore-Windenergieanlagen entwickelt. Forschungseinrichtungen
wie das Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik
(IWES) und einzelne eigens eingerichtete Studiengänge wie „Windenergie
und Meerestechnik“ an der Hochschule Bremerhaven, aber auch die
Ansiedlung von Unternehmen wie AREVA Multibrid, Repower oder Weserwind
bringen diese neu hinzugewonnene Perspektive zum Ausdruck. „Das
Potenzial für die Küste ist sehr groß. Allein in Bremerhaven wurden
bisher etwa 1.500 Arbeitsplätze durch die Neuansiedlungen geschaffen.
Dabei ist das Windenergiecluster der Nordwest-Region Deutschlands dazu
bereit, die Forschung stärker mit der Industrie zu vernetzen“, weiß auch
Steffen Schleicher zu bestätigen, der als Projektleiter für die
Windenergie-Agentur Bremerhaven / Bremen e.V. (WAB) tätig ist. Die WAB
vertritt in der Nordwest-Region ein stark wachsendes, überregionales
Industrie- und Forschungsnetzwerk für die On- und Offshore Windenergie,
zu dem mittlerweile 250 Unternehmen gehören.


Schaufensterkampagne
Die „Pier der Wissenschaft“ ging mit einer Ankündigungskampagne in die
erste Phase. Vermeidlich einfache Fragestellungen wie „Was tragen
Pinguine auf der Haut?“ oder „Wie kommt das Loch in die Ozonschicht?“
kleideten die Schaufensterflächen von leer stehenden Ladenlokalen
ein und sorgten für die nötige öf fentliche Aufmerksamkeit im Vor feld.
Abschließend
lässt sich sagen, dass die Krise zwar noch nicht gänzlich überwunden
ist, jedoch seit der Jahrtausendwende eine Entwicklung eingeläutet
wurde, die für ein verändertes Stadtbild steht. Neue Schwerpunkte an der
Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft sowie der Tourismus
erweitern die Perspektive und sorgen dafür, dass sich Bremerhaven nun
endlich wieder im Aufwind befindet. Dieser Eindruck wird noch zusätzlich
verstärkt, wenn man bedenkt, dass Bremerhaven sich auf dem besten Wege
befindet, zur Klimastadt zu werden.
Als erster Schritt wurde in
Bremerhaven bereits eine Konzeptstudie „Klimastadt Bremerhaven“
erstellt, welche die zahlreichen klima-assoziierten Aktivitäten,
angeführt von den Leuchttürmen Klimaforschung, Klimahaus 8° Ost und der
Windenergie sowie diverse Maßnahmen und Akteure des Klimaschutzes
miteinander verbindet. Dieser Prozess soll zukünftig noch weiter
ausgebaut werden.


