Hamburg – von der vielfältigen Stadt zur geteilten Stadt

Ein Beitrag von Jens S. Dangschat

Der Erfolg Hamburgs als gesuchter Wohn- und Bürostandort wird angetrieben von einer neuen Lust auf innenstadtnahe Wohnlagen. die Veränderung zu einer Stadt der „vibrant quarters“ hat aber auch ihre Schattenseiten, die sich in eine Stadt mit zwei Gesichtern zu teilen beginnt. Jens Dangschat beobachtet die veränderungen der Stadtteile seit den 80er Jahren und hat sich Hamburg nun noch einmal neu angeschaut. Hinter der glänzenden Fassade des strahlenden Hamburg findet er darniedergehende Stadtteile und eine verunsicherte Bevölkerung, die sich langsam gegen das Unternehmen „Hamburg“ zur Wehr zu setzen beginnt.


Hamburg, die stolze Hammonia ist wieder im Kommen: Die Zahl der Menschen in Hamburg ist in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich 7.000 pro Jahr auf knapp 1,8 Mio. EinwohnerInnen gestiegen. Ebenso nimmt die Zahl der Touristen und der Übernachtungen zu, die Stadt klettert im Attraktivitätsranking nach oben, die BürgerInnen der Stadt rechnen sich nach einer jüngsten Umfrage der Uni Freiburg zu den glücklichsten und zufriedensten im ganzen Land, Investitionen werden vorgenommen, die Hafencity wächst – es wächst aber auch der Schuldenberg eines ohnehin schon überschuldeten Stadtstaates.

 

Hamburg hat also zwei Gesichter, neben dem der strahlenden Stadt in der Selbstvermarktung das der zweifachen Armut. Die leeren Kassen der Stadt werden begleitet von der Not des sich begrenzen Müssens, der Resignation, des Abgehängt-Seins, zumindest des sich so Fühlens einer zunehmenden Zahl ihrer BürgerInnen – sie fühlen sich vergessen, überflüssig, nicht wirklich geliebt und politisch nicht mehr im Rathaus vertreten. Hamburg hat überdurchschnittlich viele Harz IV-EmpfängerInnen, für einen wachsenden Anteil der HamburgerInnen reicht das Erwerbseinkommen nicht mehr an das Existenzminimum heran. In diesem Zusammenhang steigt der Anteil der Hamburger Kinder und Jugendlichen in Armut kontinuierlich an.

 

Die Gründe für diese nahezu beispiellose Spaltung (Berlin, hoch offiziell als „arm und sexy“ eingestuft, kann hier mit Hamburg mithalten) liegen einerseits in den übergeordneten Trends und finden in (Teilen von) Hamburg lediglich ihre deutliche Ausdrucksform, sind aber auch hausgemacht. Die Ursachen sind vor allem in den rasant sich verändernden Wirtschafts- und Arbeitsmarktbedingungen zu sehen. Diese veränderten sich nicht nur im zeitlichen, sondern auch im kausalen Zusammenhang mit dem schrittweisen Abbau des Sozialstaates, der zunehmend als störender Verursacher von Lohn-Nebenkosten angesehen wird. Darüber hinaus verschieben sich die Arbeitsmärkte zu den „neuen Dienstleistungssektoren“, in denen die Arbeit häufig projektorientiert und damit sehr viel flexibler, unbeständiger und unplanbarer wird, was u. a. zu Einkommensspreizungen und zu einem verfestigten Teil prekärer Jobs geführt hat. Das wiederum wird sich aufgrund nicht ausreichender Arbeitszeiten in geringeren Rentenanwartschaften und daher in einer zunehmenden Altersarmut auswirken.

 

Zudem behindern verlängerte und vielfältige Ausbildungen, Praktika, die Jobstruktur und die Flexibilitätsanforderungen des Arbeitsmarktes stabile Partnerschaften und Familien; kleinere Haushalte sind die Folge: In Hamburg ist bereits jeder zweite Haushalt ein Einpersonen-Haushalt, die sehr viel anfälliger für Verarmungsprozesse sind, weil Arbeitslosigkeit, Krankheit etc. dort zu 100 % zutrifft und keine weitere Person vorhanden ist, die Geld verdient, pflegt oder sonstwie sich um den Haushalt kümmert.

 

Auf Hamburg treffen all die genannten ‚driving forces‘ des Verarmungsprozesses in besonderer Weise zu. Die Globalisierung öffnete die bis dahin national abgeschotteten Märkte und Hamburgs Schiffbau-Industrie konnte gegen die Produktionsbedingungen in Süd-Ost-Asien kaum noch an-konkurrieren. Die Wirtschaftskrisen weltweit wirken sich auch auf den Handel und damit die Hafenwirtschaft aus. Lange glaubte man, wenn man mit der schwerwiegenden und die Stadt aus allen überheblichen Träumen reißenden De-Industrialisierung „durch“ sei, würde alles besser werden. Man übersah bei den ‚urban stakeholdern‘ jedoch, dass auch die traditionellen Dienstleistungsbereiche bereits schrumpften (im Gegensatz zum prosperierenden Süden der Groß-Region München und weiten Teilen Baden-Württembergs), weil sie altmodisch, wenig rentabel und stark hafenbezogen aufgestellt waren.

 

Der ehemalige Erste Bürgermeister Hamburgs, Klaus von Dohnanyi, forderte daher die Aufmerksamkeit vom lang wirksamen und erfolgreichen Wirtschaftsmotor Hafen auf den Flughafen zu richten, auf Airbus-Industries, neue Technologien und die Entwicklung neuer Werkstoffe (vom „nassen“ zum „trockenen Hafen“) und erklärte mal so nebenbei in seiner historischen Überseeclub-Rede die Stadt zum Unternehmen. Nur: Unternehmen folgen einer anderen Logik als Gemeinwesen, wie es Kommunen nun einmal sind. Ein Unternehmen kann sich von nicht rentierlichen oder gewinnschwachen Sparten trennen – eine Stadt wird ihre Arbeitslosen und Sozialhilfe-EmpfängerInnen nicht so leicht los …

 

Hamburg war damit Vorreiter der mittlerweile breit propagierten Strategie des „Stärken stärken“, was (neben den Haushalts-Konsoldierungen in Folge der Etablierung des Euro-Landes) massive Einschnitte in das soziale Sicherungssystem nach sich zog. Im gleichen Zeitraum – wir sind in den 1990er Jahren – konsolidierte sich der Bundesfinanzminister, der nach Fehlkalkulationen der Kosten für den Deutschen Integrationsprozess auf hohen Schulden sitzen geblieben ist, indem er auf Länder und Kommunen als nachgeordnete Einheiten Aufgaben ohne angemessene Gegenfinanzierungen überwälzte (insbesondere die Aussteuerung der Langzeitarbeitslosen vom Bund auf Land und Kommunen, wodurch Hamburg als Stadtstaat doppelt betroffen war). Das bedeutet: Als aufgrund von Wirtschaftskrisen und verfestigter struktureller Arbeitslosigkeit ein starker, pro-aktiver Sozialstaat notwendig gewesen wäre, wurde dieser geschwächt, weil die hohe Politik sich unter neo-liberalem Einfluss auf das „Kerngeschäft des Staates“ zurückzog und statt Existenzsicherung und gleichwertiger Lebensverhältnisse nur noch Chancengleichheit all denen anbot, die ohnehin nur geringere haben.

 

Da Hamburg sich zumindest im Städtewettbewerb in der obersten Europa-Liga sieht, musste die Stadt viele Vorleistungen geben, selbst investieren und attraktiv werden, um die foreign direct investments in die Stadtmauern zu bekommen. Diese „mit-der-Wurst-nach-dem Schinken-Werfen“-Strategie brachte zwar vorzeigbaren Schinken, der sich beispielsweise im Bauboom oder im Städtebau zeigt, nahm aber den anderen die Wurst zum überleben. Da man Steuer-Euros, politische Strategien, Verwaltungsschwerpunkte, Personaleinsatz und Aufmerksamkeitsstrategien nur begrenzt durchführen kann, bleibt – wenn dieses fast ausschließlich auf die Entwicklung und Darstellung der Sonnenseite gerichtet ist – für die, die im Dunkeln sind, nicht viel übrig. Da nach Bert Brecht, man diese auch nicht sieht resp. nicht sehen möchte, ist es ganz praktisch, dass auf den Wohnungsmarkt Verlass ist.

 

Allüberall in deutschen (und anderen europäischen) Großstädten lässt sich ein Trend ausmachen, dass immer mehr Menschen innenstadtnah wohnen möchten – die Gründe hierfür sind vielfältig: Verbesserte Ausbildung von Frauen, dadurch eine stärkere Berufs- und Karriereorientierung, dadurch weniger, später und seltener Kinder, am besten noch nicht einmal feste Partnerschaften, weil all dieses hinderlich ist bei der flexiblen Entfaltung in Zeit und Raum, die zwischen beruflichem Zwang und lustvoller Selbstinszenierung zu neuen urbanen Milieus und Lebensstilen geführt hat. Neue Berufe, flexible und „zeit-verdrehte“ Beschäftigungen (Erwerbsarbeit bis in die Nacht) machen den Künstler zum Vorbild, wo der Angestellte mit Stempeluhr(-Mentalität) noch überwiegt, was zudem die Attraktivität der innenstadtnahen Standorte weiter stärkt.

Die Folge der seit den 1970er Jahren ansteigenden Nachfrage nach innenstadtnahen Wohnlagen hat die Preise gerade dieser Segmente deutlich nach oben getrieben, hat die Investoren auch in die lange vergessenen ehemaligen Arbeiterquartiere gelockt und so noch einmal mehr die Spirale gedreht. In Hamburg liegt der durchschnittliche Quadratmeter-Preis für kleine Wohnungen (unter 45 m2) bereits über 10,60 Euro und die der großen (über 90 m2), d.h. auch für familiengerechte Wohnungen bei 11,80 Euro. Der durchschnittliche Mietpreis ist einer Studie der Immobilienberatungsfirma Jones Lang LaSalle zufolge innerhalb eines Jahres um sieben Prozent angestiegen, was sie zum Schluss kommen lässt – Investoren aufgepasst! – „In der Hansestadt dreht sich sowohl die Miet- als auch die Kaufpreisspirale am schnellsten“. Man muss noch nicht einmal unmittelbar von diesen Mietpreissteigerungen bedroht sein – sie verunsichern, lassen Sorge darüber aufkommen, ob die Rente jemals reichen wird, wenn diese Informationen auch in Tageszeitungen zu lesen sind.

 

Ein weiterer Dreh entsteht durch Verdrängungsmechanismen unter den Bessergestellten, wenn Lehrerehepaare, kinderlos, mit 6.000 Euro im Monat von einem yuppiehaften Alleinlebenden, Mediensektor, mit zwar schwankend Einkommen mit immerhin zwischen 8.000 Euro und 12.000 Euro verdrängt werden, weil er deren Wohnung gekauft hat, was das Lehrerehepaar bewegt, nach Eimsbüttel zu ziehen, wo es eh‘ so aussieht wie früher „ihr Eppendorf“, um dort die gleiche Verdrängung in Gang zu setzten: Die dort verdrängten Haushalt weichen dann nach Altona oder St. Pauli aus. Gerade der Kiez steht gegenwärtig unter einem erheblichen Aufwertungs- und Verdrängungsdruck. Am Ende stehen Zugewanderte mit niedriger formaler Qualifikation, Alleinerziehende, prekär Beschäftigte, moderne Kreative, Studierende (Grüne, Links- und Nichtwähler, Piraten), die sich daher eine neue Bleibe suchen müssen, welche sie aber aufgrund der Preisentwicklung in immer weniger Quartieren finden können.

 

Dabei werden nicht nur die Armen an den Rand, an die schlechtesten Orte (Ausstattung, Erreichbarkeit, Gesundheit, Schulen, Images etc.) abgedrängt, sondern auch „aus den Augen und aus dem Sinn“ geschafft – das sind die ungenannten Vorteile auch für die sich tolerant gebenden urbanen Mittelschichten. Die Armen sollen ungesehen und ungehört bleiben – schlecht nur, dass sie sich daran nicht immer halten und bisweilen auch zu den „Unerhörten“ werden.

 

In diesem Zusammenhang ist die weltweite Bewegung des ‚right tot he city‘ in Hamburg auf fruchtbaren Boden gefallen, denn die Hansestadt ist zugleich die bundesdeutsche Hochburg der „Recht auf Stadt“-Demonstrationen. Dieses Einfordern nach gleichberechtigtem Zugang zu den Vorteilen einer wunderschönen Großstadt, die im Interesse von TouristInnen, wohlhabenden EinwohnerInnen, der marktgängigen ‚creative class‘ und nicht zuletzt der ManagerInnen der international tätigen Firmen im Städtewettbewerb städtebaulich umgebaut wird, bringt diese Bewegung ins gleiche Boot mit den KünstlerInnen-Netzwerken des „not in our name“. Diese ca. 15 Initiativen haben sich gegen die Marketinglinie der Stadt zusammengeschlossen, die mit der die „Kreative Stadt“ und den „vibrant quarters“ dieser Pioniergebiete eine weltweite Marketing-Kampagne fährt. Der Aufwertungsdruck gerade in diesen Gebieten verdrängt diese Gruppen zum wiederholten Male, nachdem diese hinsichtlich des ‚brandings‘ dieser Gebiete ihren Beitrag geleistet haben.

 

Die strategische Entwicklung einer Großstadt wie Hamburg, ist daher viel weniger als früher eine Frage der Parteifarben der Regierenden, sondern vielmehr eine soziale und die der bröckelnden Solidarität: Inwieweit versteht sich eine zivile BürgerInnenschaft als so breit solidarisch, dass die Abgehängten und Außer-Atem-Geratenen der Beschleunigungsprozesse nicht aus den wohlfahrtsstaatlichen Überlegungen ausgeschlossen werden.


Prof. Dr. Jens S. Dangschat (*1948 in Wiesbaden) ist als Stadtsoziologe Professor für Siedlungssoziologie und Demografie in der Fakultät für Architektur und Raumplanung an der Technischen Universität Wien und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie. In seiner Zeit in Hamburg ist er einer der Ersten gewesen, der die soziale Polarisierung in Hamburg analysiert und kritisiert hat. 


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