Beyond Institutions?
Ein Beitrag von Thomas Sieverts
Die Stadtplanung nach dem Zweiten Weltkrieg hat neben Zügen einer kontinuierlichen Entwicklung der Planungsinstitutionen und ihrer Gesetze auch mehrere Phasen mit tiefen Brüchen in der Stellung der Planung in Politik und Wirtschaft aufzuweisen. Im Folgenden geht es darum, der Frage auch im Licht meiner eigenen Erfahrungen nachzuspüren, ob sich in diesem heterogenen Bild untergründig Strömungen finden lassen, die dazu beitragen, die gegenwärtige Situation zu erklären. Ich werde meinen Versuch zeitlich in Abschnitte von ca. 15 Jahren gliedern, eine Abschnittsbildung, die sich allgemein bewährt hat und auch meinen Erfahrungen entspricht.
Der Abschnitt von 1945 bis ca. 1960 war die Zeit der Beseitigung der Kriegszerstörungen und des Wiederaufbaus. Für mich war es die Gymnasialzeit und die Zeit des Studiums. Es war die Zeit des sich entfaltenden Wohlfahrtsstaats, von dem ganz selbstverständlich eine umfassende „Daseinsvorsorge“ für die sich ausdifferenzierende Industriegesellschaft erwartet wurde. Stadtplanung und Städtebau waren wesentliche Werkzeuge des Wohlfahrtsstaats, um den großen Wohnungsmangel zu bekämpfen. Hauptinstrumente waren der steuerfinanzierte öffentliche Wohnungsbau mit der dazugehörigen Infrastruktur, durchgeführt von z. T. mächtigen Wohnungsbaugesellschaften mit Unternehmensverfassung, wenn auch meist im Besitz von Gebietskörperschaften, aber auch von Kirchen und Gewerkschaften.
Städtebau war Stadterweiterung durch Massenwohnungsbau, Städtebau war – auch in der Fachbezeichnung an den Technischen Hochschulen – Siedlungswesen. Bei unseren Diskussionen in den Seminaren war der Begriff Markt eher ein negativ besetztes Schimpfwort. Städtebau war die Befriedigung elementarer Bedürfnisse durch die öffentliche Hand, die nicht „marktfähig“ waren.
Die Macht lag in diesem Abschnitt schon überwiegend bei den großen Wohnungsbaugesellschaften mit ihrem Flagschiff der gewerkschaftseigenen „Neuen Heimat“. Es herrschte ein zentralistisch organisierter technischer Pragmatismus.
Der Abschnitt von ca. 1960 bis 1975 markierte das Ende des Wiederaufbaus und der großen Wohnungsnot. Für mich war es die Zeit des Einstiegs in den Beruf, eine Zeit des Aufbruchs und der neuen Ansätze, zu denen gerade wir jungen Planer beitragen konnten. Es war das Zeitalter der großen Planungsgesetzgebungen (BBauG 1962, Bau NVO 1965, Städtebauförderungsgesetz 1972) und der Entfaltung der Raumplanung als Wissenschaft (Gründung der Raumplanungsfakultäten Anfang der 1960er-Jahre in Dortmund, Berlin und Kaiserslautern). Es war eine Zeit der Machbarkeitsvorstellungen (manche sagen auch des „Machbarkeitswahns“) durch umfassende, integrierte Stadtentwicklungsplanungen in eigens gegründeten Planungsstäben, angesiedelt bei den Oberbürgermeistern. Es war auch die Zeit der Verwissenschaftlichung, bis hin zu mathematischen Modellen und ihrer Abstraktheit, die sich auch in Städtebauformen ausprägte: Es war die Zeit der – bisweilen auch sozialwissenschaftlich begründeten – Großformen in Siedlungen, Universitäten und Krankenhäusern, hergestellt aus industriell vorgefertigten Bauteilen. Für mich und meine Partner bei der von uns 1965 gegründeten Freien Planungsgruppe Berlin war es eine begeisternde Zeit des Aufbruchs, der Entwicklung neuer Methoden und der Erfahrung der Wirksamkeit von Planung. Noch bei den Studentenunruhen von 1968 wurde auf beiden Seiten – den Linken und den Rechten – das politische Heil in planungstechnokratischen Maßnahmen des Staates gesucht – der Begriff der Ökologie kam noch nicht vor. Der Abschnitt war geprägt durch ein systematisch-wissenschaftliches Verständnis von Planungstechnokratie, und zwar im Westen und im Osten!
Erst im nächsten Zeitabschnitt von 1975 – dem Jahr des Denkmalschutzes – bis 1990 – dem Jahr der europäischen Wende (für mich war es die Zeit als Hochschullehrer und Büroinhaber) entfaltete sich eine wirkungsvolle Fundamentalkritik an der Stadtplanung von zwei Seiten: Auf der einen Seite stellte die sich gerade bildende Bewegung der Grünen das Dogma des Wachstums aus ökologischen Gründen grundsätzlich infrage. Auf der anderen Seite wollte der erstarkende, aus England und den USA kommende Neoliberalismus (manche nannten es auch Marktradikalismus) mit seiner grundlegenden Kritik an der inzwischen weitreichenden Staatstätigkeit des „sozialdemokratischen Zeitalters“ dem Staat die Steuermittel entziehen, um fast alle Aufgaben so weit wie möglich der Privatwirtschaft und damit dem Markt zu übertragen. Hinzu kam vom Feuilleton eine kulturelle Auseinandersetzung mit dem Städtebau und der Architektur der Moderne. So wurde der Stadtplanung von drei Seiten erheblich zugesetzt, mit der Folge einer erheblichen, bis heute reichenden Schwächung. Die umfassenden, integrierten Planungen wurden überhaupt nicht weiterverfolgt.
Diese Fundamentalkritiken waren auch deswegen so wirksam, weil die Projekte der „großen Planung“ in der Tat zur Kritik Anlass gaben: Sie wurden – meist zu Recht – als starr, schematisch und unsensibel kritisiert, die „große Planung“ war in der neuen Situation des schwindenden Wachstums nicht mehr passend und angemessen. Die Aufgaben verlagerten sich immer stärker von der Stadterweiterung auf die Stadterneuerung, die ganz andere Planungsmethoden erforderte: kleinteiliger, partizipativer, kontextbezogener!
Der Abschnitt von der europäischen Wende 1990 bis in die ersten Jahre des neuen Jahrtausends (meine letzten Jahre als Hochschullehrer und meine ersten Jahre als Emeritus) war in Deutschland natürlich geprägt von den Schrumpfungserfahrungen in den „Neuen Ländern“, die die Stadtplanung vor ganz neue Aufgaben stellten. Die öffentlichen Kassen blieben leer, die marktradikale Liberalisierung der Stadtentwicklung setzte sich fort, die Privatwirtschaft übernahm jetzt fast unangefochten die dominante, die führende Rolle und erarbeitete nicht nur die Baupläne, sondern übernahm auch die inhaltliche Entwicklung der (hoheitlichen) Bauleitplanung. Die Globalisierung machte sich verstärkt über international organisierte Kapitalfonds bemerkbar und entzog sich de facto sowohl der nationalen wie auch der ortspolitischen Kontrolle. Die Investitionsentscheidungen fallen häufig in Global Cities in anderen Weltteilen. Ich hatte in dieser Phase den Eindruck, dass der Globalisierung auf der anderen Seite ein gewisses Desinteresse der Stadt- und Gemeinderäte an Fragen der Stadtentwicklung und des Ortsbildes außerhalb des historischen Kerns entsprach, einhergehend mit einem Statusverlust der Stadtplanungsämter in der Ämterhierarchie. Der alte Stolz auf das Privileg der Planungshoheit als eines Kernstücks der kommunalen Selbstverwaltung war und ist vielerorts immer noch verschwunden.
Eine wichtige Antwort auf diese Situation formulierten die Internationalen Bauausstellungen, insbesondere die IBA Emscher Park als eine staatlich organisierte und finanzierte Qualifizierungs-Agentur zur ökologisch, gestalterisch-kulturellen und ökonomisch-strukturellen Transformation des Ruhrgebiets. Die IBA Emscher Park war ein wirkungsvoller Versuch eines neuen Planungsverständnisses, das mit Projekten statt Plänen arbeitet und Qualität statt Quantität förderte. Die IBA Emscher Park hat in Nordrhein-Westfalen ihre Nachfolger in Form der „Regionalen“ gefunden. Der Staat tritt in diesen Organisationsformen im Rahmen eines politischen Zielsystems in erster Linie als über Prioritätensetzungen einflussreicher Moderator und Qualifizierer auf. Damit hat sich das Selbstverständnis von Planung tiefgreifend verändert.
ZUSAMMENFASSUNG:
Die ambivalente Situation heute
Die Phase seit 2005 – die ich als Emeritus beobachte – ist noch zu gegenwärtig, um verallgemeinerbare Schlüsse ziehen zu können, aber es ist festzustellen, dass der Einfluss intransparenter, global organisierter Kapitalfonds auf die Stadtentwicklung weiter zunimmt und dass die Orts- und Regionalpolitik erst beginnt, Antworten auf die neue Problemlage zu entwickeln.
Was ist – wie anfangs gefragt – in diesem heterogenen Entwicklungsbild an durchgehenden unterschwelligen Strömungen zu erkennen?
Insgesamt ist einerseits eine deutliche Abnahme des Einflusses öffentlicher Planungen festzustellen. Die Gründe hierfür liegen gleichermaßen in den grundlegend veränderten Aufgaben wie in der Finanzschwäche der Gebietskörperschaften: Die Stadtplanung ging einen Weg von wohlfahrtsstaatlicher pragmatischer Mangelbeseitigung über eine heroische Phase der komplexen Entwicklungsplanungen, der Verwissenschaftlichung und der integrierten Planungsstäbe – die zum großen Teil mit dem Instrument der großen öffentlichen Infrastruktur arbeiteten – zur schmerzhaften Erfahrung einer fundamentalen Schwächung der Raumplanung durch Neoliberalismus, erstarkende Ökobewegung und Kulturkritik.
Andererseits sind gerade seit 1975 auch neue planerische Antworten auf die veränderten Problemlagen der Stadterneuerung, der Stagnation und des Bevölkerungsrückgangs entwickelt worden z.B.: vielfältige Beteiligungsformen der Bürger; kleine, maßgeschneiderte Entwicklungsgesellschaften und Formen des Quartiermanagements für die hochindividuellen Aufgaben der Stadterneuerung und nicht zuletzt die regional wirksamen Qualifizierungsagenturen der „Regionalen“, die sich um die Transformation des Bestands kümmern. Stadtplanung ist von einer überwiegend hoheitlichen Autorität zu einer moderierenden und motivierenden Institution geworden, die eher über strategische Projekte als über flächendeckende Pläne wirksam wird.
So verliert einerseits die traditionelle öffentliche Planungsverwaltung mit ihren wenig beweglichen, in der Phase der Mangelverwaltung und anschließend zur Bewältigung des rasanten Wachstums entstandenen, auf Kontrolle ausgerichteten, hoch arbeitsteiligen Bürokratien an Einfluss.
Andererseits haben die Planungsverwaltungen in mehreren Städten und Gemeinden neue, innovative Arbeitsformen entwickelt, die von Beweglichkeit und Verfahrenskreativität zeugen, mit z. T. hervorragenden Ergebnissen.
Viele Planungsverwaltungen haben es verstanden, ihre Rolle zwischen globalem Finanzkapital und verfassungsmäßiger Planungshoheit neu auszutarieren. Sie fördern Freiräume für neue, aus zivilgesellschaftlichen Wurzeln wachsende Formen der kleinteiligen, kontextbezogenen Stadtentwicklung aus Bürgerinitiativen, von neuen Genossenschaften, von neuem Unternehmertum mit örtlichen Bindungen und von Stiftungen. Diese neuen Initiativen formen eine noch vergleichweise neue Bewegung, die ich sehr interessant finde und von der in dieser Publikation die Rede ist.
Diese Phase ist von großer Bedeutung, denn vieles spricht dafür, dass diese Phase eine Vorstufe zu dramatischen Veränderungen ist, und gerade deswegen ist sie als Versuchs- und Erfahrungsfeld so wichtig, ja unverzichtbar! Diese Übergangsphase wird – wenn sie lebendig und kreativ bleibt – wichtige Experimente und Beispiele realisieren, die Maßstäbe für Zukünftiges setzen.
DIE BEDEUTUNG VON RESILIENZ
Wir stehen – wenn die Zeichen nicht trügen – vor einem tiefen Einschnitt, vielleicht kann man sogar von einer Schwelle zu einer dritten urbanen Revolution sprechen: Nach der Umwälzung von der Agrar- zur Industriestadt auf der Basis von Kohle (1. Moderne) im 19. Jahrhundert, nach der Umwälzung von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Konsumstadt auf der Basis von Erdöl / Erdgas (2. Moderne) im 20. Jahrhundert sind wir jetzt auf dem Weg zu einer Dritten Moderne auf der Basis von Sonnenenergie in ihren vielfältigen erneuerbaren Formen. Wie bei den beiden vorhergehenden Umwälzungen auch, kann jeweils zu Beginn der Umwälzungen niemand vorhersagen, wie die Ergebnisse sein werden, wie also die Stadt einer Dritten Moderne aussehen wird. Ziemlich sicher aber lässt sich aus den Erfahrungen mit den beiden genannten, schon historischen Umwälzungen schließen, dass die Formen von Planen und Verwalten, wie sie aus den Anforderungen und Aufgaben der Zweiten Moderne hervorgegangen sind, in Zukunft nicht mehr passen werden. Mit Sicherheit lässt sich auch feststellen, dass alle Baumaßnahmen bei einer nachhaltigen Mindestlebensdauer von 50 bis 100 Jahren in eine Dritte Moderne „hineinragen“ werden, die wir zwar nicht kennen können, die wir aber bei all unseren Maßnahmen im Kopf haben müssen.
Es wird eine lange Zeit der Unbestimmtheit geben. Hierfür einige Beispiele: Niemand kann heute voraussehen, ob z.B. der Klimawandel zu neuen, weltweiten Migrationsströmen führen wird oder wie sich die Verschiebungen auf dem Weltmarkt mit der Verlagerung ganzer Produktionszweige im globalen Maßstab auf die Stadtentwicklung auswirken werden. Auch die Auswirkungen der Umstellung der Energie von Öl /Gas auf erneuerbare Energiequellen auf die Stadtstrukturen sind alles andere als klar und ausgemacht. Es ist durchaus vorstellbar, dass – je nach regionalen Besonderheiten – der Mix der Energiequellen anders zusammengesetzt sein wird und es auf diese Weise wieder zu regionaltypischen Stadtstrukturen und Architekturen kommen wird.
Es ist nicht einmal ausgemacht, ob die Globalisierung am Ende zu einer totalen, in der Tendenz vereinheitlichenden Vernetzung von allen mit jedem führen wird oder ob sich die Welt wieder stärker in kulturell und wirtschaftlich spezifischen Regionen organisieren wird, mit je einem eigenen Gesicht, kürzeren Handelswegen und einer regionsspezifischen Kultur. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass alle linearen Extrapolationen eher fehlschlagen werden, ist groß.
Was also wäre in dieser Situation ein angemessenes Verhalten als Architekt und Stadtplaner? Ein Zauberwort in diesem Zusammenhang ist der Begriff Resilienz, was so viel wie Unverwüstlichkeit, Robustheit und Widerstandsfähigkeit bedeutet. Zur Resilienz gehören Begriffe wie Redundanz, verbunden mit funktionsunspezifischen Bau- und Erschließungsstrukturen. Aber eine solche Funktionsoffenheit darf, wenn sie zukunftsträchtig sein soll, niemals zur Charakterlosigkeit führen: Es geht um eine Verbindung von großer, offener Kapazität mit ebenso großer gestalterischer Prägnanz (Janson und Wolfrum). Hierzu wird auch eine Balance von revidierbarem fehlerfreundlichem „Light Urbanism“ gehören, der das Maß an Offenheit und Veränderbarkeit zeigt, das in der gegenwärtigen Zeit erforderlich ist, mit „Heavy Urbanism“ im öffentlichen Raum und bei öffentlichen Gebäuden, der die räumlich-gestalterische Stabilität und historische Kontinuität garantiert. Gerade in Zeiten so großer Unbestimmtheit wie gegenwärtig kommt es darauf an, die Grundzüge der Stadt, geprägt von Landschaft, öffentlichen Raum und öffentlichen Institutionen, deutlich herauszuarbeiten und zu stabilisieren. Die so definierten Bau- und Entwicklungsfelder als stabiles, kontinuierliches Entwicklungsgerüst sollten für Bauten und Nutzungen revidierbar und anpassbar bleiben.
Wenn wir schon nicht wissen können, wie die Städte der Zukunft aussehen werden, sollten wir unsere Energien nicht so sehr für Prognosen verwenden, sondern wir sollten die Unbestimmtheit als Freiheit interpretieren, das, was zu tun ist, nach unseren heutigen Maßstäben so gut und so schön zu machen, wie wir es vermögen, aber so, dass zukünftige Generationen es auch anders nutzen, verändern und daran weiterbauen können, nach ihren Bedürfnissen.
In dieser Situation, in der niemand ein klares Rezept haben kann, ist wahrscheinlich ein tastendes, ausprobierendes Verhalten angemessen, um unterschiedliche Verfahren und Konzepte zu entwickeln und zu prüfen, ob und wenn ja, wie und warum sie sich bewähren.
Thomas Sieverts (*1934 in Hamburg) ist emeritierter Professor für Städtebau an der TU Darmstadt. Der Architekt und Stadtplaner führt seit 1978 ein eigenes Planungsbüro in Bonn. Er war u. a. Mitbegründer der Freien Planungsgruppe in Berlin und Direktor der IBA Emscher Park. Zu seinen bedeutendsten Veröffentlichungen zählt „Zwischenstadt, zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land“ (1997).


